Die Geigenlehrerin

März 25, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

(2011-06-15 – 18:17:48)

Das Leben huscht gerade ein bisschen an mir vorbei. Mein Fokus liegt komplett auf dem kommenden Date. Einerseits weil ich so große Vorfreude habe, aber auch weil mein Magen deswegen ganz flau ist. Ich bin aufgeregt. Mein erstes Blind Date. Zählt es denn noch als solches? Ich habe ihn zwar schon einmal gesehen, aber es war schon düster und die Situation so aufregend, dass ich mich auf gänzlich anderes konzentriert habe. Mir schwirrt im Moment so einiges durch den Kopf dies betreffend.

*fingerschnippen* “Wo bist du mit deinen Gedanken, Yuki?”, plärrte meine Geigenlehrerin. Bei einem Mann, wollte ich ihr am Liebsten entgegen. Aber ich wusste, wie sie über Männergeschichten denkt. Meine Geigenlehrerin ist das fleischgewordene Klischee einer solchen. Chinesisch, streng, Haare straff zurückgebunden, steife Körperhaltung, weibliche aber verschlossene Kleidung. Sie hat den Tick immer mit ihrem Finger gegen die Seite ihres Brillengestells zu tippeln, wenn sie nachdenkt. Und dies scheint sie während meiner Geigenstunden ziemlich häufig zutun. Wenn ich mich verspiele und es eigentlich besser hätte können müssen, blökt sie im hohen Ton auf und legt ihre Hand auf meinen Kopf. Gruselig, oder? Sie ist ein sehr spezieller Typ Mensch, und ja, ich musste mich erstmal an sie gewöhnen. Mittlerweile nehme ich allerdings schon mehrere Jahre bei ihr Unterricht, daher schocken mich ungewöhnliche Methoden nur noch selten.
Viel spannender sind ihre Geschichten die sie hin und wieder erzählt, wenn sie einen schlechten Tag hat. Das ist das Paradoxe an ihr. Schlechte Tage machen sie zum frommen Lämmchen und gute zu einer strengen Furie, die auch mal laut wird, wenn ihr Unterricht nicht fruchtet. Sie erzählt oft von Zuhause, dem Ort voller Disziplin und Stolz. Das ist ein freies Zitat. Sie meint damit China. Und manchmal habe ich das Gefühl, sie denkt, ich sei auch eine Chinesin. Entweder sie hat meine Herkunft vergessen oder sie verdrängt sie. Auf jeden Fall spricht sie, wie eine alte Dame, von früheren Zeiten wo sie noch jung und begehrt war. Jeder junge Mann in ihrem Dorf wollte sie zur Frau und jeder bereits verheiratete Mann sah sich nach ihr um. Das behauptet sie zumindest. Und ihre glasigen Augen verraten die Sehnsucht die sie dabei spürt. Während sie in alten Zeiten schwelgt, rügt sie mich hin und wieder oder stampft mit irgendetwas den Takt. Lob bekomme ich nur selten und das liegt nicht daran, dass ich nicht gut spiele oder so. Am Ende ihrer Geschichte wirkt sie für wenige Sekunden butterweich. Richtig verletztlich und dann kann ihr hartes Äußeres einer Geigenlehrerin auch nicht mehr über ihren Kern hinwegtäuschen. So erzählt sie von verlorener Liebe, zerstörter Leidenschaft und dem Fazit, dass es all das nicht wert ist.

Meine Geigenstunde ist vorbei. Ich gehe nach Hause und finde, dass es das wert ist.

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